gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

25. Oktober 2017 - von Claudia Posca

Wenn sich was vertüddert

Gelsenkirchen

Glück gehabt. Was Sie lesen, hat folgenden Vorteil: Es ist öffentlich bevor es öffentlich zu Ende geht. Was eine Ausstellung in Gelsenkirchen ist. Zu der Sie schnell noch gehen sollten. Ich sag`s nur mal. Weil es das sonst im Revier selten bis nicht zu gucken gibt. Bis zum 4. November. Später haben Sie was verpasst.

„KUNSTstoff“ nämlich. Und „TextilART“. Ausgerechnet in einer Region, wo Eisenbrammen auf Bergehalden Revier-Marken setzen. Ich war im Kunstverein Gelsenkirchen.

Dabei bin ich trefflich gestolpert. Weil ich dachte, es geht um Kunst aus Plastik. Stimmt aber nicht. TextilART erklärt, was es mit dem KUNSTstoff auf sich hat. Das ist gar nicht fadenscheinig, sondern echt mit viel Stoff.

Der Ausstellungstitel ist ein gesetztes Ausrufezeichen: Textil-Material ist sexy. Mancher nennt dasselbe auch Fiber Art. Was nicht unbedingt, aber auch, fiebrige Kunst sein kann, obwohl sie ja nicht Fever Art heißt. Und tatsächlich Faser-Kunst, Kunst aus Fasern, Textilkunst ist. Acht internationale KünstlerInnen waren am Werk. Exotisch hört man munkeln, „ziemlich solitär diese Objekte“.

Darüber wiederum würd` man sich in Asien wundern. Weil Textil Art dort längst Kunst ist. Punktum.

Bei uns heißt die Kunst Kunsthandwerk. Das soll einer verstehen.

Also fuhr ich klären, was in Japan in und bei uns out.

Ich fand: sensationelle Reliefbildungen durch Filigran-Aufschlitzungen von Leinenlaken, filzige Abstraktionen, abstrakten Filz, flüchtige Gaze – aufgespannt an Wand und Decke, übers Eck. Auch Mutationen mit glänzenden Paillettenschuppen, Raum-Aliens, Iggelig-Skulpturen, Hauchzart-Installationen, Knüppe mit Knoten und aufgerollt-aufgeräumte Sockenkultur.  Weit weg von Kohle, Stahl und Konstruktion, nah bei, ums Eck, in der Alten Villa am Kunstmuseum Gelsenkirchen im dort beheimateten Kunstverein. 

Aber hatte ich neulich nicht anderes berichtet? Notiert, dass Raumplastisches jenes Diffus-Gefühl einer  Auflösung fester Lebensstrukturen spiegelt? Dass sich die Welt im digitalen Off verliert? Fluidisierung, Verflüchtigung auf allen Kanälen?

Aber jetzt? Sehe ich im Spiegel der Kunst Material pur. Statt Immaterialität. Ganz klar: Fiber Art ist Werkstoff-Kunst. Da kann sie noch so transparent als Hauch von nichts daherkommen.

Und - auch das ist Fakt - Textilien können mehr als nur Klamotte sein. Das nur zu unseren Knüppen im Kopp.

Von wegen also: Teppich oder Tuch.  Pech, wer in Gelsenkirchen danach sucht. Wenn Tuch, dann Segeltuch. Mit Projektionen drauf. Multimedial, als begehbare Fetzen-Installation im Raum. Zur Reise auf lichtgespeitem Meer. Versprochen, es lohnt der Ausflug nach Gelsenkirchen.

Überhaupt: Man darf Vertrauen haben, was der örtliche Kunstverein so stemmt. Nach dem in Essen 1950 gegründeten Kunstverein Ruhr, dem 1956 in Mülheim aus der Taufe gehobenen, zusammen mit dem 1968 in Unna auf den Weg gebrachten, besetzt der Gelsenkirchener Kunstverein Platz drei in der Ranking-Liste der ältesten Kunstvereine im Revier. Nächstes Jahr wird gefeiert: „50 Jahre Kunst & Leidenschaft.“ Man blickt auf beeindruckend viele Projekte zurück: „Kunst am Baum“, „Kunst in der Landschaft“, „Kunst und Design“, „Kunst und Technologie“ sind nur ein paar Appetizer. Jetzt kommt Faseriges dazu. Ausfasernd. Phanstastisch.

Dazu passt: Mit dem Kunstvereinsvorsitzenden Ullrich Daduna, Architekt und kunstpassioniert, sprach ich beim „KUNSTstoff“-Treff über den Surrealismus eines entkörperten Corps de Ballet. Was ein Film mit tanzenden Röcken im Raum ist. Erstaunt? Macht nichts, mir ging es genauso. Tanzende Röcke? Pah.

Haben aber viel bewirkt. Weil dieses Video einer Wiener Künstlerin, darin fürs Röcke-Ballett die Tanzenden wegretuschiert wurden, den Ideenschub beförderte, textile Kunst, oft totgesagt, in die Alte Villa, Horster Straße 5-7, zu holen.

„Das war der Aufhänger, zu beweisen, dass Textilkunst nicht out ist“ sagt Ullrich Daduna.

Genau dafür allerdings kann man sich ganz schön Watschen einfangen: „Was? Jetzt auch noch Klöppelkunst in der Arena?“

Klar, das ist drastisch daneben. Aber nun ja, selbst mancher Profi der Kunstszene spöttelt leise-laut das Vorurteil ins Off: „Textilkunst? Ist keine freie Kunst, ist Kunsthandwerk.“

Ist das so?  

Wie gesagt, einfach mal auf Tuchfühlung gehen. Am Faserigen nämlich hängen Fransen dran. Analytische. Herrliche. Sozusagen die Selbst-Sezierung von Form, Struktur, Raum und Räumlichkeit im Textil-Outfit.

Nix da mit  stylischem Designstrick oder nutzalltäglicher Häkelkunst. Das Faden-mit-Fädchen-Vertüddern hat Konzept, ist plastisch-textile Grundlagenforschung, dekonstruiert Tradition und Funktion, gratwandert zwischen Form und Nicht-Form, denkt über gestalterische Handlung nach: wickelt, schlitzt, brennt, schichtet, faltet, knotet, knüpft, webt und rollt. Nur Samt und Seide?

Denkste!

„Es war eine Wohltat, so viel Textil so selbstverständlich in einer so wichtigen Kunstausstellung sehen zu können“, schrieb Beatrijs Sterk zur diesjährigen Biennale in Venedig auf www-textile-form-blog.org. Und von Karl Borromäus Murr stammt das Zitat: „In einem Zeitalter grassierender Virtualisierung der Welt mag man vielleicht dem Textilen mit dessen haptisch-taktiler Qualität einen besonderen material-ästhetischen Reiz zumessen. Philosophisch hat jedenfalls der Poststrukturalismus mit Denkern wie Jacques Derrida oder Gilles Deleuze die Aufwertung des Außen und der Oberfläche gegenüber dem Innen und der Tiefe untermauert.“

Boah, das gibt viel zu denken. Und spinnt den roten Faden: Wenn sich was vertüddert, platzt der Gordische Knoten.

Wenn sich was vertüddert