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14. Februar 2018 - von Claudia Posca

Vorsicht Plakat!

Essen

Ich weiß ja nicht mit welchen Bildern Sie groß geworden sind. Ich jedenfalls war stolz auf ein Riesenposter der eigentlich kleinformatigen Mona Lisa von Leonardo da Vinci, das ich, - ehrlich  jetzt -, von meinem Konfirmationsgeld habe rahmen lassen. Poah, was war das für ein Gefühl, als die Ikone endlich und flächendeckend an der Wand hing.

Aber eigentlich war der graue Pappkarton das Bekenntnis. Plakate, Postkarten und vor allem Aufkleber der Marke Edition Staeck waren drin. „Vorsicht Kunst!“ etwa, was eine Explosiv-Bombe auf knatsch-orangegelbem Untergrund mit Künstlernamen zwischen den stilisierten Feuerstrahlen war. Der Button klebte lange Zeit an Bochumer Studentenbudentür. Und hatte das Credo intus: durch Kunst zur Humanisierung der Welt beitragen.

Warum ich wieso ausgerechnet jetzt auf sowas komme?

Weil der große und so gar nicht kreuzbrave Grafik- und Plakatkünstler, Verleger und Provokateur Klaus Staeck am 28. Februar Vorsicht Kunst! Klaus Staeck und seine Plakate im Folkwang Museum in Essen seinen 80sten Geburtstag feiert. Und weil das Plakatmuseum im Essener Folkwang Museum dem Meister bissiger Wort-Bild-Kombinatorik mit einer bis dato größten Einzelausstellung gratuliert: „Sand fürs Getriebe“. Sehenswert. Klasse.

Wie sehr, Sie werden`s merken. Trotz Musealisierung. Staecksche Plakatkunst hat Wucht. Die Verhältnisse zum Tanzen zwingen, gilt noch immer. Obwohl es inzwischen natürlich auch ziemlich historisch ist. Das ja. Die große Zeit der Litfaßsäule ist vorbei. Aber was Themen, wie Umwelt, Migration, Steuerpolitik und die Schere zwischen reich und arm angeht,- das ist verdammt aktuell.

Rund 200 der bekanntesten Plakate, Postkarten und Multiples aus vordigitaler Zeit neben früher Druckgrafik, ergänzt durch Archiv- und Filmdokumentmaterial sind in der Retrospektive zu sehen. Einhellig ist die Meinung: Staecks hintersinniger „Demokratiebedarf“ – was nach Staecks Überschlag, rund 28 Millionen Stück Druckerzeugnisse fürs Publik-Machen jämmerlicher Zustände in Umwelt, Wirtschaft und Politik sind -, „haben sich in das visuelle Gedächtnis der Bundesrepublik Deutschland eingebrannt.“

Unglaublich, dass dieser Klaus Staeck schon achtzig wird.

18-jährig hatte er aus der DDR 1958 „rübergemacht“, war am 1. April 1960 in die SPD eingetreten. Als „Störer der bequemen Verhältnisse“, wie er auf der Essener Pressekonferenz sagte. Und Auftritte meinte, - gegen jedwede Art von „Mehltau-Atmosphäre“. 

Im Blick hatte Klaus Staeck auch die ´ewige` Kanzlerin. Und eine Gesellschaft, die „hin und wieder auf den Rütteltisch gehört.“ Dass die GroKo für ihn „nichts Erfreuliches“ ist, war zu erfahren. Und dass er gleichzeitig aber überhaupt nichts davon halte, „die da oben“ für alles verantwortlich zu machen. „Demokratie ist Mitarbeit. Ich fühle mich als Mitarbeiter.“

Also schafft Klaus Staeck Öffentlichkeit, nutzt Medien massenhafter Vervielfältigung.

Klaus Staeck Lügenbaron 2018 Donald Trump im Folkwang Museum in Essen Dabei hat der von 2006 bis 2015 als Präsident der Akademie der Künste in Berlin amtierende Klaus Staeck nie studiert. Jura schon. Aber nur, um Zeit fürs kritische Reflektieren gesellschaftlicher No-Gos zu haben.

Entwaffnend direkt ist eine typische Staeck-Frage: „Was ist denn mit Dir?“

Wenn nämlich der Könner scharfzüngiger Bildmotive etwas nicht gelten lässt, dann ist es Trägheit. In der Demokratie nicht, nicht im Alltag. Pakete für Nachbarn etwa nimmt er nur an, wenn sie nicht vom Großgegner Amazon sind. Hat er erzählt. Denn: „Das ganze Leben besteht aus kleinen Schritten.“

Daraus folgt – unter anderem:  „Bücher beim Händler um die Ecke bestellen.“ Weil die „Aufgabe ist, aus dem einen Tropfen, viele Tropfen zu machen.“ Gelingt das, kann „David gegen Goliath siegen. Ich vergreife mich immer an den Stärksten.“

Klaus Staeck glaubt ans Korrektiv Aufklärung, macht Polit- statt Skandalkunst. Nicht etwa John Heartfield (1891-1968) nennt er als Ahnherrn, sondern dadaistisches Querdenken. Meinungsstarker Spott, kluger Humor sind sein Metier. Herrlich böse wär`s, wenn die Dinge nicht so ernst stünden.

Ja, es waren besonders die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er/70er Jahre, die mit Staecks Bild-Attacken groß geworden sind. Viele waren überzeugt davon, dass einer Gesellschaft am Tropf ökonomischer Machtverhältnisse geholfen werden muss. Staeck-Plakate galten da als so eine Art Taskforce wider die gesellschaftlichen (Miss-) Verhältnisse.

Grandios, wie der 1938 in Pulsnitz bei Dresden geborene, in Bitterfeld aufgewachsene, heute in Heidelberg lebende Klaus Staeck 1971 Klaus Staeck Würden sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?, 1971 Offsetdruck, 86 x 61,3 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 parallel zu einer großen Dürer-Ausstellung in Nürnberg, zusammen mit seinem Verleger Gerhard Steidl, ein paar hundert Litfaßsäulen mietete, um dort unangekündigt das berühmte Portrait der verhärmten Dürer-Mutter mit dem Schriftzug „Würden Sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?“ zu plakatieren. „Der Sozialfall“ schlug Wellen, zumal seinerzeit zufällig auch ein Maklerkongress in Nürnberg stattfand. „Bezahlbare Mieten“ war jetzt in aller Munde, Klaus Staecks Politplakate waren es auch.

Bis heute hat der Vollblut-Demokrat einen Promi-Faktor. Auf andere wirkt Klaus Staeck toxisch. 41 Prozesse wurden gegen ihn geführt, keinen hat er verloren. Höchst vermutlich, nicht weil der Mann studierter Jurist ist, sondern weil`s gnadenlos stimmt, was und wie Klaus Staeck in seinen Plakaten Schieflagen, Ungerechtigkeiten seziert: „Eigentum verpflichtet zur Ausbeutung“ (1973), „Stell Dir vor, Du musst flüchten und siehst überall – Ausländer raus!“ (1986), „Die Reichen müssen noch reicher werden. Deshalb CDU“ (1972).

Wie wohl ein Plakat aussehen würde, das sich beerbten Privatiers widmet, die mehr als zufrieden ihren Besitz damit rechtfertigen, dass - wie sie`s sehen - „der liebe Gott halt immer auf einen Haufen scheißt“?

Nach wie vor legt der langjährige Freund und Kunst-Verleger von Joseph Beuys immer dort den Finger in die Wunde, wo`s brennt: „Steuern von allen – Apple, Starbucks, Google, Pfizer, Ikea, Microsoft“. Besagtes Plakat entstand 2017. Wo nur sind die Litfaßsäulen geblieben? Doch auch Klaus Staeck weiß: „Die eigentlichen Revolutionäre wären heute die Hacker.“

Umso eindrücklicher groß ist die Wand im Folkwang mit den chronologisch sortierten Originalplakaten drauf: „Der Boden stirbt. Das Wasser stirbt. Die Luft stirbt. Der Wald stirbt. Die Tiere sterben. HURRA WIR LEBEN.“ Mensch, wie verdammt aktuell ist das denn? Leider. Und zum Heulen ist es auch. Das besagte Plakat hat Klaus Staeck schon 1984 entworfen.  

Bewunderswert wie der Mann, der gern „am Status der reichen Vornehmheit kratzt“, lustvoll streitet, keinen Frust schiebt, hartnäckig nicht aufgibt und wieder und wieder die herkulische Aufgabe meistert, eine humane  Definition ätzender Satire ins Bild zu setzen. Sein unumstößlicher Grundsatz: „Den unverschuldet Schwachen gegen den Übermut der Starken helfen.“

Was für ein großes Programm. Es schubst jeden aus der Komfortzone, weil immer noch gilt: Die Verhältnisse, sie sind nicht so. Oder wie es der unverbesserliche Halboptimist Klaus Staeck melancholisch sagt: „Nichts ist erledigt.“


Klaus Staeck
Sand fürs Getriebe 
9. Februar bis 8. April 2018 
Museum Folkwang, Essen


Abbildungen: 

Teaser: Klaus Staeck, Die Gedanken sind frei, 1979 Offsetdruck, 84,2 x 59 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 

Abb. 1: Klaus Staeck, Vorsicht Kunst, 1982 Offsetdruck, 84 x 59,3 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 

Abb. 2: Klaus Staeck, Lügenbaron, 2017 Offsetdruck, 84,1 x 59 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 

Abb. 3: Klaus Staeck, Würden sie dieser Frau ein Zimmer vermieten?, 1971 Offsetdruck, 86 x 61,3 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018 

Vorsicht Plakat!