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9. Januar 2018 - von Claudia Posca

Netzwerken

Rees

Nicht wundern! Heute verlasse ich für noch mehr Revierkrimi in Sachen Kunst die Kernregion Ruhrgebiet. Bleibe aber dicht dran an den Gefilden des Regionalverbandes Ruhr, kurz „RVR“, der, unter anderem, auch, geografisch eckmarkiert bis wohin sich Ruhrland erstreckt.

In diesem schillernden Kosmos mit Ausfransungen hinein in die Niederrheinregion und das Münsterland bin ich, - Netzwerken ist alles! -, im 21.000-Seelen-Städtchen Rees, das im Osten angrenzt an die Städte Hamminkeln und Wesel, im Süden an die Stadt Xanten, was alles Revier-Terrain ist, auf Sensationelles gestoßen: das Kunstarchiv Kerschgens, Schwalbenweg 16.

Was, ich will`s mal so sagen, erfunden werden müsste, gäbe es diesen phänomenalen Ort archivalischer Netzwerk-Kultur nicht.

Um das in zwei Privathäusern Versammelte nur ansatzweise zu skizzieren: Rund 310.000 Ausstellungseinladungen stapeln sich, mehr als 40.000 Buchtitel, an die 1000 internationale Kunstzeitschriften, circa 90.000 Pressebesprechungen. Der Großteil ist sortiert, archiviert vom Boden bis zur Decke zwischen Originalkunst und Tribal Art. Open End, die Kollektion wächst. Der Organismus lebt.

„Wenn Sie Kataloge doppelt haben oder Pressematerialien entbehren können, bringen Sie`s bitte mit!“ war so ungefähr der zweite oder dritte Satz am Telefon, nachdem mich Peter Kerschgens schon damit beeindruckt hatte, dass er, kaum, dass ich mein Anliegen auch nur ansatzweise angerissen hatte, wusste, wer ihn da besuchen wollte. Phantastisch. Unglaublich. Später sollte ich einen Menschen kennen lernen, dem die Kunstszene an Rhein und Ruhr wie kaum einem anderen vertraut ist. Und das seit über 45 Jahren.

„Kommen Sie doch rein!“ Die unauffällige Tür in einem unauffälligen Wohnhaus ist das Tor zu einer Wunderkammer. Die Welt darin: enzyklopädisch, fremd vertraut zwischen Kunst, Geschichte, Leidenschaft.

Drei Stunden später sitzen wir beim Lunch am Küchentisch. Da habe ich schon einen Marathon-Schnupperkurs hinter mir, habe Karteikästen, Pappkartons, Stehordner, Mappen gesichtet, bestaunt. Und wir waren noch nicht einmal oben oder im Keller, geschweige denn im Haus 2, Lindenstraße.

Wozu auch? Schon die Schwalbenstraße bietet Überbordendes im Überfluss. Kaum, dass der Blick sich irgendwo festfrisst, zaubert der pensionierte Sonderschulpädagoge mit obsessiver Sammlerpassion aus nächster Schublade hoch interessante Fotos ans Licht: vom jungen Ausstellungsmacher Kasper König, vom Fotografen Benjamin Katz und vom Bochumer Bildhauer Diethelm Koch. Plötzlich wird die Vergangenheit  lebendig. Was für ein Dokumentations-Dorado, was für ein historischer Schatz, tausendundeine Möglichkeit fürs Quellenforschen. Sagenhaft, wie es Peter Kerschgens schafft, zu wissen, wo sich im Dschungel seiner Lebens-Wohn-Archiv-Installation welcher Künstler, welche Kunstrichtung, welcher Zeitabschnitt in welchem Regal, Ständer oder Stapel befinden. 

Beinahe noch faszinierender: Wie Peter Kerschgens Hintergründe referiert, mit Namen jongliert, Anekdoten erzählt – spontan aus dem Effeff, egal in welcher Mappe versteckt, von welchem weniger oder gut bekannten  Kunstschaffenden auch immer. Biografische Nachfragen? Beantwortet der Mann ohne mit der Wimper zu zucken. Gewaltig. Fesselnd. Was für ein Gedächtnis.

Ja, Rees ist zu beneiden. Und muss aufpassen, das Peter-Kerschgens-Alleinstellungsmerkmal gut zu pflegen, sonst wird es eines Tages weggeworben. Unvorstellbar, dass eine Stadt sich nicht ums Sammlungs-Juwel reißt, darin sich die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts aus dem Revier, vom Niederrhein, aus NRW, Deutschland und weit darüber hinaus spiegelt. Authentisch spiegelt.

Was en Detail die legendäre Netzwerk-Synapse auszeichnet, steht sympathisch untertrieben auf www.kunst-archiv-peter-kerschgens.de notiert: „Das Kunst-Archiv Peter Kerschgens besteht seit 1975. Es ist ein privates Archiv, in das unterschiedliche Archivalien (…) Eingang finden. Der Schwerpunkt liegt auf Druckerzeugnissen, vor allem auf Materialien, die in unserer Informationsgesellschaft Tagesaktualität besitzen.“

Und dann folgt, was vor Ort schlicht vom Hocker reißt, weil`s so unglaublich dicht, ein bisschen anarchisch ist: „Daneben hält das Kunst-Archiv noch weiteres Material bereit: Ausstellungskataloge, Kunst- und Künstlerbücher, Kunstzeitschriften, Auktionskataloge, Künstlerverzeichnisse, Ausstellungsplakate, Pressebesprechungen, Faltblätter, Leporellos, Prospekte von Jahresgaben und Editionen, Kunstpostkarten, Fotomaterial, Videoaufzeichnungen von Fernsehberichten, Videobänder, CD-Rom-Dokumentationen, Künstlerschallplatten, Tonbandaufnahmen, Werbematerialien aus dem Bereich der Bildenden Kunst, von Künstlern gestaltete Visitenkarten, Originaldokumente aus dem Bereich Mail-Art, Künstlerpost.“

  Allerdings: Das ist immer noch nicht alles. Rund 25.000 Handzeichnungen kommen dazu, handverlesen, wohlsortiert zwischen weißen Schutzpapieren. Peter Kerschgens hat sie gekauft, getauscht oder vor dem Reißwolf gerettet. Was derzeit ein aktuelles Thema der Kunstszene ist: Wohin mit dem Nachlass? Denn „irgendwann kommt nicht nur der Tod, sondern auch der Müllmann“, sagt einer, der für sein Archiv und all das „Schutzbefohlene“ darin lebt, fest hoffend, dass es „mal partiell unterkommt“.

Ob ihm nicht Wissenschaftler, Hobby-Historiker, Doktoranden, Kunstjournalisten die Bude einrennen?

„Es gibt viele Anfragen, aber auf Knopfdruck geht nichts.“ Peter Kerschgens ist ein analoger Mensch. Muße und Zeit zum Sondieren, beim Nachforschen quer gucken können, um schönstes Netzwerken für Historie, Inhalt und Bewahrung zu betreiben, vor allem aber, um die „Energie der Kunst zu spüren“, sind ihm wichtig.

„Ideenspeicher“ nennt er denn auch eigenkuratierte Ausstellungen, die auf Anfrage aus dem Grafikschrank hinaus in die Welt geschickt werden, um jenseits vom etablierten Who`s-Who „auch unbekannteren Künstlern und Künstlerinnen eine Plattform zu bieten. Es geht um das Verborgene, das Aufmachen der Mappen. Aber ich darf Dich beruhigen. Guck mal hier.“

Schmunzelnd öffnet Peter Kerschgens einen weiteren Karton. Ich staune nicht schlecht. Der ist leer. „Work in progress. Bitte nimm ein paar Visitenkarten vom Kunstarchiv mit.“

Deal. Netzwerken ist alles.

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