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22. Juni 2017 - von Claudia Posca

Mein Freund der Baum

Gelsenkirchen

Es liegt in der Luft. Seit wir im Revier eine grüne Hauptstadt Europas haben, sind die Sinne scharf gestellt: Grünes boomt. Ich habe ein Faible dafür.

Und -, ich liebe Bäume. Olivenbäume besonders. Bedauerlicherweise wachsen die in Italien, Spanien, Griechenland, spärliche nur in meinem Garten. Zu nass, zu kalt, sie wissen schon: Die Olive im Besonderen und Allgemeinen braucht Sonne. Und einen Topf in kalter Jahreszeit für warme Füße im Haus.

Nein, Sie sind nicht im falschen Film. Noch immer geht es an dieser Stelle um Kunst.

Die aber ist bekanntlich frei, zu tun, was sie tun will. Manchmal kommt sie dabei auf den Baum. Im aktuellen Fall macht sie aus Bäumen Baum-Kunst, Sparte Bildhauerei. Der Tatort: Gelsenkirchen-Buer, Berger Anlagen, Adenauerallee, Nähe Schloss Berge.

Denkste auch nur, dass man hier vor lauter Bäumen die Kunst nicht sieht. Allerdings: Genaues Gucken ist Pflicht. Manches Kunstwerk im Berger Skulpturenpark ist ein Chamäleon, mal Kunst, mal Baum. Das Suchen macht Spaß. Mein Freund der Baum lohnt immer.

Die vertretene Künstlerschaft dagegen ist handfest. Das Who-is-Who zeitgenössischer Bildhauerkunst ist u.a. mit Stefan Pietryga, Ulrich Möckel, Jan Bormann, Felix Droese vertreten.

Seit letztem Sonntag reiht sich die Bildhauerin Angela Hiß (*1967) aus Düsseldorf in die grüne Galerie ein. Ihr elf Meter hohes Baum-Kunstwerk „Mehr in der Töne Schwellen“ ist eine freie Interpretation des gleichnamigen Gedicht-Duetts von Theodor Storm. In Gestalt einer doppelten Klaviertastatur hat sie es aus einem Kastanienstamm heraus gemeißelt. Ein materialsensibles Baumgärtnern ist das, rhythmisch, ornamental, poetisch noch dazu.

Der NRW-weit einmalige Skulpturenpark hat seit 1993 klassische Bildhauerei auf Totholz angesetzt. Aus für die Baum-Ruinen, Sieg für die Kunst, eine Win-win-Situation ist es für beide. Wäre das bildnerische Tun nicht gewesen, die schädlingsbenagten, die sturmgepeinigten Bäume lägen längst abgeholzt auf dem Stapel.

Initiiert haben das Programm der Gelsenkirchener Kunstverein und sein 1. Vorsitzender Ulrich Daduna. Fürs Hingucken auf Kunst in und aus der Natur, fürs Staunen darüber, was Bildhauerei in Holz unter freiem Himmel umsonst und draußen bedeutet.

Ein Nachahm-Projekt des Gelsenkirchener Originals gibt es schon: Im Duisburger Kant-Park rund um das Lehmbruck Museum wird es im Juli dieses Jahres eine Baumkunst-Ausstellung mit Werken in und aus den gefällten Kant-Parkbäumen geben. Derzeit hört man neben der Duisburger Cubus-Kunsthalle die Kettensägen kreischen. Figürliches, Abstraktes klettert aus den Stämmen heraus.

„Was ja nicht wirklich was Sensationelles ist. Schon der alte Johann Georg Krünitz hat es im 18. Jahrhundert in seiner Enzyklopädie beschrieben, als er den Bildhauer als Handwerker beschrieb, der aus dem Stein oder Holz das inwendige Motiv herausschälte, indem er „Bilder schnitzet, hauet, gräbt und schneidet“, also eine Skulptur aus dem Holz herausarbeitet.“

„Ja ja ja ne ne ne“, würde Joseph Beuys jetzt sagen, wenn Du schon den Schlaumeier raus hängen lässt. Im Übrigen war der Kino-Beuys-Film absolut sehenswert, super Doku-Collage aus Originalfilmen und Interviews, die soziale Plastik als organisches Kunstwerk kam echt plastisch rüber, was so weit weg von Baumkunst nicht ist. Wollte ich nur mal sagen.

Aber davon abgesehen: Du bist mal wieder rasant voreilig. Ist schon klar, dass das Gelsenkirchener „Kunst am Baum“-Projekt in guter alter Analog-Tradition funktioniert. Was klassische Gestaltung bedeutet, statische Materialpräsenz präsentiert und einen schön meditativen Gegenpol setzt zum derzeit boomenden, performativ-digital-multimedial Interdisziplinären. Sozusagen Feng-Shui für die Sinne, von Kettensäge und Beitel kreiert. Das trägt viel zur Beruhigung akut zirkulierender Rock`n-Roll-Gefühle bei der Vernetzung des Durcheinanders in der Welt bei. Doch doch, mein Freund der Baum hat große Berechtigung. Glaub` mir.

Und übrigens: Selbst die Wissenschaft sieht Bäume heute mit anderen Augen. Inzwischen geht sie von kommunizierenden Wesen aus. Schon mal was vom Wood-Wide-Web gehört?

„Was soll das denn sein? Spielst Du damit auf den esoterisch angehauchten Förster Peter Wohlleben und seinen Bestseller „Das geheime Leben der Bäume an“?“ 

Aha, so ganz unbeeindruckt von schillernden Nebenwegen ist der Vernunft-Mensch nicht.

Ich lese mal ein Zitat des Zellbiologen und Pflanzenforschers Frantisek Baluska von der Universität Bonn vor. Der sagt: „Bäume kommunizieren nicht nur über Duftbotschaften, sondern auch über Pilze, die wie eine Art Glasfasernetz den ganzen Boden durchziehen. Über ihr Feinwurzelsystem können Bäume und Pflanzen zu diesen Mykorrhiza genannten Pilzen Kontakt aufnehmen. Verschiedene Bäume werden durch sie in ein Netzwerk zusammengebunden. So können Informationen von Baum zu Baum weitergeleitet werden. Und das wird auch als „Wood-Wide-Web“ bezeichnet.“

„Naja, so gesehen…, trotzdem: Was das Berger Projekt betrifft, hab` ich bislang nur verstanden, dass es nach dem Motto funktioniert: Aus ollen Baumstämmen mach` schöne Kunst.“

 

Nimm das Ätzen raus, dann hast Du `ne flapsige, aber nicht falsche Beschreibung. Es geht bei diesem außergewöhnlichen Skulpturenprojekt tatsächlich um so eine Art Naturrecycling unter den Fittichen ästhetischer Vision. Keine Puppenstuben-Romantik. Für Angela Hiß zum Beispiel bedeutete das: Schwerstarbeit mit der Kettensäge, raus aus bodennaher Komfortzone rauf aufs elf Meter hohe Gerüst. Die Taskforce für todgeweihte Bäume geht ans Eingemachte. Angela Hiß ist nicht schwindelfrei, hat sie erzählt.

 

Aber, wie Du weißt, schon Albrecht Dürer wusste: „Die Kunst liegt in der Natur. Wer sie heraus kann reißen, der hat sie.“ Die Herausforderungen lohnen sich also.

 

Allerdings dachte Dürer wohl eher in Ewigkeitskategorien: Ära, wem Ära gebührt.

 

In Gelsenkirchen ist das anders. Nur mehr 10 von ehemals 25 Baum-Kunstwerken sind noch zu sehen, der Rest ist zerfallen. Das Projekt ist irdisch, irgendwann wird es erdig. Ein wuchtiges Thema tut sich da auf. Wer traut sich schon, Vergängliches statt Bleibendes öffentlich zu installieren?

 

Das Konzept des Existentiellen aber plant bewusst den Prozess des Lebens zwischen Werden und Vergehen ein. Das kratzt am ehernen Gesetz nur mehr harte, überdauernde Materialen für Public Art zu verwenden. Ergo ist der Berger Skulpturenpark ein eindrückliches Memento Mori (Gedenke zu sterben) im Großformat.

 

Wem da nicht Alexandras Songtext von ganz früher im Ohr klingt: „Mein Freund der Baum ist tot. Er fiel im frühen Morgenrot. Du fielst heut früh, ich kam zu spät, du wirst dich nie im Wind mehr wiegen, du musst gefällt am Wegrand liegen; und mancher der vorübergeht, der achtet nicht den Rest von Leben und reißt an deinen grünen Zweigen, die sterbend sich zur Erde neigen; wer wird mir nun die Ruhe geben, die ich in deinem Schatten fand, mein bester Freund ist mir verloren, der mit der Kindheit mich verband.“

Was Kunst am Baum so alles erinnert. Und dass nur, weil neben handwerklichem Können und künstlerischer Gestaltung auch Holzwurm und Fies-Fäulnis mit im Spiel sind.

„Wie bitte? Das machen die KünstlerInnen mit?“

Ja, weil das Transitorische, das Veränderliche und Vergängliche Konzept ist. Soll doch der Zahn der Zeit an Kunst und Baum nagen. Kunst, die lebt, hat ein Recht zu sterben. Das gilt auch für Public Art. Zumal es eine höchst grundsätzliche Frage ist, warum und wozu der Mensch überhaupt den Anspruch auf Ewigkeit erhebt?

Wie gesagt: Mein Freund der Baum ist hoch aktuell.

Mein Freund der Baum