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9. Oktober 2018 - von Claudia Posca

Bochumer Ge(h)schichten

Bochum

Hach, so schön einfach komplex ist Kunst, die Ge(h)schichten macht. Und das Gehen zur Geschichte meint. Auf dass Sie und ich herumwandern im öffentlichen Raum, um, selbst Teil vom Kunststück geworden, der „Stimme der Stadt“ zu folgen. Sie sollten es testen. Sowas gibt`s nicht alle Tage, nicht in jeder Stadt.

Heißt: Am besten fahren Sie bald, besser noch morgen in die Bochumer City, schnappen sich dort an ausgewiesener Stelle Kopfhörer und Smartphone, und schon geht`s los mit der Audiotour zu offensichtlichen, zu versteckten Nachkriegsbauten des Viktoria-Viertels im Nordwesten der Stadt, Nähe Bermuda-3eck.

Wer jetzt an die Initiative „BBB“ für Big Beautiful Building denkt, liegt richtig. Der von der Kölner Künstlerin Pia Janssen zusammen mit der Schriftstellerin Bettina Erasmy und dem Teamó-Team für innovative 3D-Klangerfahrungen entwickelte Soundwalk firmiert in diesem Rahmen unter dem Stichwort „mythen der moderne“, ist ein interdisziplinärer „BBB“-Projektbaustein und will das gebaute Kulturerbe der Nachkriegsmoderne vermitteln. Outside. Unter freiem Himmel. In diesem Fall für gut 50 Minuten, so lange dauert der Spaziergang. Gratis ist er noch dazu, - ein interaktiver Coup mit 20 Stationen, noch bis zum 27. Oktober im Angebot.

„Wie jetzt? Du bist das Damals im Heute suchen gegangen? Nach dem Motto: Guck hin, dann spricht die Stadt?“

So ungefähr ja. Auf dem Plan, den Du fürs Flanieren mitbekommst, liest sich das so: „Das Pilotprojekt von mythen der moderne in Bochum fasst die Erzählungen aus zahlreichen Interviews mit den Bewohnern aus dem Viktoria Quartier zu einem Stimmenraum zusammen, der den Blick auf die Architektur und auf das Leben dahinter lenkt. (…) Mit Kopfhörern ausgestattet, folgen wir den Spuren zwischen den Zeiten und gehen auf den Straßen und in die Hinterhöfe des Victoriaquartiers. Die individuellen Geschichten der Menschen verdichten sich zu einem kollektiven Narrativ: der Stimme der Stadt. Sie leitet durch die Stadt- und Zeitgeschichte.“

Und soll ich Dir was sagen: Unterwegs entwickelt sich ganz allmählich ein Gespür dafür, was 50er/60er-Jahre-Bauten ausmacht: Flachdach, große Fensterfronten, geschwungene Betonwände, kubische Gebäude, einfache Materialien. Aaaalso: Pfand hinterlegen, Equipment mitnehmen, Kopfhörer auf. Und dann laufen laufen, lauschen lauschen. Unterwegs mischen sich Außengeräusche und sphärische Klänge, Schritte und Stimmen aus dem Off. Immer da, wo auf dem Pflaster der zum Kreis gebogene rote Schriftzug „mythen der moderne“ auftaucht, gibt`s  neue Infos auf die Ohren. Zum Beispiel diese: „Architektur braucht jemanden, der sie sieht und sie erfährt. Wie die Musik, die Zuhörer braucht. Wie ein Gemälde einen Betrachter braucht.“

„Aha, is` doch logo. Wie auch sonst kommt was ins Hirn, ins Herz. Trotzdem scheint`s ja spannend zu sein, son explizit synthetisches Spurenlesen: Gucken beim Hören und umgekehrt im audiovisuellen Kosmos zwischen mir und urbaner Geschichte drum rum. Richtig?“ 

Genau. Und das Schöne daran: Die Erlebnisdramaturgie auf der Fährte von Rasterfassade & Co ist weit weg von Doku-Langeweile. Künstlerisch gestylt performt der Audiowalk zwischen Archäologie, Reportage und Denkmalpflege, flüstert zwischen den Zeilen, dass das bauhistorische Erbe eine Stadt profiliert. Eines allerdings ist die Audiotour so gar nicht: ein wissenschaftliches Seminar in Sachen Architekturgeschichte fürs Sight-Seeing-Publikum. Stattdessen switcht das Storyboard zwischen Bestandsanalyse, Interviewfetzen, literarischer Erzählung und dem Thrill eigenwilliger Töne hin und her, postet biografische Erlebnisse, wie „A – Freizeitarrest im Amtsgericht, wie B – Bergbau, wie D – Dreier- und Viererreihen vor der Theke“, teilt den Arbeitsplatzverlust wegen Abriss mit: „Alles sollte besser kommen für mich. Und jetzt? Gestern kam der Brief vom Amt. Ich habe gezittert als ich den Brief geöffnet habe. Ich habe ihn nicht verstanden. Ich soll weg. Ich kann nicht bleiben, schreiben sie.“ 

Die Frauenstimme, die das erzählt, konfrontiert damit, dass das seit 2017 leer stehende alte Amts- und Landgericht Bochum, das jetzt im Neubau am Ostring untergekommen ist, dort, wo früher das Gymnasium am Ostwall war, das sich heute in Wiemelhausen unter dem Namen Neues Gymnasium Bochum befindet, demnächst für eine Shopping-Mall abgerissen wird. Weg also mit der Nachkriegsarchitektur, her mit dem neuen Viktoria Karree, ein Konsumtempel im Neubau-Outfit.

Da habe ich natürlich mein Handy gezückt. Fotos fürs Archiv können nicht schaden, werden erinnern was mal war, wenn es nicht mehr ist: die kubische Architektur, eine weiße Fassade, die einheitlich symmetrischen Elemente, die typische Rasterfassade. Soll das so? Muss das so? Ginge es anders? Welcher Paradigmenwechsel steckt dahinter? Und was sagt die „Stimme der Stadt“ dazu?

„Es gab Architekten, die die Stadt am liebsten aus Luft gebaut hätten. Nachdem die Trümmer abgetragen waren, gab es riesige Freiflächen. Eine radikale Intervention nach zwölf Jahren Nazi-Diktatur.“

Das bewegt. Ich erfahre, dass an den stadthistorischen Ablagerungen Utopie und Haltung hängen, dass Architektur ein Spiegel der Gesellschaft ist. Gut möglich, dass man zukünftig in einem Nachkriegshaus wohnen möchte, als Statement, weil sich damit einst Aufbruch, Neuanfang und der Wunsch nach demokratischen Strukturen verbanden.

Ich höre Schritte. Fremde oder eigene? Ich weiß es nicht. Der Audiowalk verfranst lineare Abläufe, verknüpft Zeitebenen, ist antizyklisch, stellt aber die Frage: „Ist es nicht so, dass die Menschen sich nur entlang von Linien bewegen?“

Schon erreiche ich die nächste Station, Kunsthandlung Carl Krusenbaum am Westring. Angeblich soll der große Pop-Künstler Andy Warhol hier zu Gast gewesen sein, ist zu erfahren. Ein Laster poltert vorbei, den Rest der Geschichte verpasse ich. Aber ins große Schaufenster habe ich geguckt, später gegoogelt, dass Krusenbaum einst die älteste Bochumer Rahmenfabrik am Platz gewesen ist, ein Traditionsunternehmen, dass 1944 nach dem Luftangriff am 4. November komplett zerstört, ausgebrannt war. So wie überhaupt das ganze Bochumer Viktoria-Viertel.

Mittlerweile bin ich komplett eingetaucht in den Flow der Ge(h)schichten, habe vor dem Lilie-Registrierkassenshop gestanden, den schönen Neon-Schreibschrift-Namenszug überm Eingang studiert,  das alte Leihhaus am Südring passiert, die Rottstraße mit Hinterhof-Theater unterm Gleis besucht, einen Stopp vorm ehemaligen Sex-Kino, Ecke Westring/Rottstraße eingelegt, wo mein Kopfhörer zu mir sprach: „Und was Sie jetzt sehen, sind die Bilder, die Sie im Kopf haben.“

Wie hieß es noch gleich weiß auf hellblau im Faltplan? „Die Stimme der Stadt ist Femme Flaneur, Sammlerin, Echo und Spurenlese in einem.“

Wohl wahr. Genau so ist das. Und es schaltet ´la memoria` an, triggert fürs urbane Parlando, hat viele Shifts zur Geschichte der Bochumer Nachkriegsmoderne, zu den Menschen, zu den Geschichten hinter den Fassaden. 

Die habe ich jetzt im Ohr, kehre zum Ausgangspunkt Viktoriastraße/Ecke Südring zurück, ein Ort, der vielen und mir seit Ewigkeiten ins Auge springt, ja mehr noch die Vergangenheit, Erinnerungen zurückbastelt. So charmant ist das Kleinod am Platz, ein Ex-Schaschlik-Haus, eine Stadt-Landmarke, dass bloßer Anblick für großes Kopf-Kino reicht: Wie das wohl wäre in dieser seltsam schönen Sonderarchitektur der 1950er Jahre, Marke verirrter Ausflugsdampfer bzw. extravaganter Großkiosk zu leben, zu arbeiten, - unten und oben, mitten im Urbanen, auf ovalem Grundriss mit Fenstern rundum, der erste Stock wie´n Panorama-Ausguck etwas kleiner als der untere?  

Nicht, dass ich retro wäre. Aber die Vorstellung vom Leben auf gestrandetem City-Dampfer knistert, geht nicht aus dem Sinn, ist meine Ge(h)schichte und eine im Rahmen der „mythen der moderne“.

 

 

Ausgabe der Kopfhörer im eRaucher-Shop im Pavillon, Viktoriastraße/Ecke Südring

Finissage im Pavillon: Samstag, 27. Oktober von 16.00 bis 20:00 Uhr

www.mythen-der-moderne.de

www.bigbeautifulbuildings

Bochumer Ge(h)schichten