gefördert durch RAG Stiftung
Städtefilter:
  • Alle Städte
  • Alpen
  • Außerhalb vom Ruhrgebiet
  • Bergkamen
  • Bochum
  • Bottrop
  • Bönen
  • Castrop-Rauxel
  • Dinslaken
  • Dorsten
  • Dortmund
  • Duisburg
  • Essen
  • Fröndenberg
  • Gelsenkirchen
  • Gevelsberg
  • Gladbeck
  • Hagen
  • Hamm
  • Hamminkeln
  • Hattingen
  • Herdecke
  • Herne
  • Herten
  • Holzwickede
  • Hünxe
  • Kamen
  • Lünen
  • Marl
  • Moers
  • Mülheim an der Ruhr
  • Neukirchen-Vluyn
  • Oberhausen
  • Recklinghausen
  • Ruhrgebiet
  • Schwelm
  • Schwerte
  • Selm
  • Unna
  • Waltrop
  • Werne
  • Wesel
  • Witten
  • Xanten
Filter schließen

19. Juni 2018 - von Claudia Posca

Bits & Bikes für Kunst

Essen - Gelsenkirchen

Das war knapp. Bei der allerersten Kunstgebiet.Ruhr.Tour vergangenen Sonntag, die eingeladen hatte, „tritt in die Pedale und erkunde das Kunstgebiet! Kostenlose Radtouren zur Kunst im öffentlichen Raum mit Fotografie-Workshop!“ fraß mein Drahtesel Rucksackkordeln: Leerlauf und Null-Gangschaltung statt Speed. Wären da nicht nette Menschen gewesen, die eigentlich fürs Fotoschießen und Hashtaggen gekommen waren, mir aber jetzt beim Fuseln-aus-der-Kette-Klauben halfen.

Wer sehen will, was weiter passierte, schaut unter #kunstgebietruhrtour und ist im Bilde. So flugs, so schön ist Fotoleidenschaft online gestellt. Das Portal „Instagram“ ist bilderhungrig. Und flink. „Schöne Fotos“ veröffentlichen, zeigen, was man Besonderes findet vor Ort an Kunst, Kultur, Natur bewegt die Community.

Zum Glück hatten wir schon vorm höchstpersönlichen Bike-Desaster einen ersten Kunst-Input gekriegt: Konkretes für Digitales, die Kunst von Ansgar Nierhoff und Alf Lechner besticht durch das, was zu sehen ist: Stahl und Form und Form und Stahl. Und eine Oberfläche, die nur oberflächlich rostet: CorTen-Stahl. Wir stehen in historischer Industriekulisse, das passt. Ich versuche Art Concret mit Förderturm ins Bild zu bannen.

„Jetzt aber los!“ Geplante vier Stunden unterwegs auf Essener und Gelsenkirchener Terrain, geführt von den Kunsthistorikern Andreas Benedict und Thomas Buchardt, begleitet vom Fototeam Daniela und Markus Stera, liegen vor uns, inklusive Brunchen in Gelsenkirchens Nordsternpark. Alle sind sich einig: Wir duzen uns, Fragen zur Fotografie sind erwünscht.

Der Startpunkt für dreißig Pedäler, bewaffnet mit Kamera und Smartphone, ist das 100 Hektar große UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein in Essen. Kunsthistorisch betrachtet, ist es in einem nicht ganz lupenreinen Bauhaus-Stil erbaut, wie wir von Thomas Buchardt erfahren. Tatsächlich gilt das von 1951 bis 1986 aktive Steinkohlebergwerk, wo bis zur Schließung über 600.000 Menschen gearbeitet haben, mit seinem von Fritz Schupp (1896-1974) und Martin Kremmer (1894-1945) gestalteten Schacht XII als „schönste Zeche des Ruhrgebietes“, als „Kathedrale der Industriekultur.“ 

Klar, dass hier jeder für „Fotos zum Niederknien“ das Besondere im Besonderen der Musterzeche sucht. Dafür hält man nicht einfach drauf auf die streng symmetrisch angelegte, raumklare Zuwegung zum Kesselhaus, wo wir mit Hinweis auf die etwas höheren Lichtstelen am Ende der Raumflucht einen Intensiv-Kurs in ästhetisch-symbolträchtiger Ausleuchtung erhalten, sondern probiert Perspektiven: Fotografieren von unten, Fotografieren von seitlich schräg. „Schade, dass die Sonne nicht scheint. Ein knatschblauer Himmel über der roten Backsteinarchitektur wäre der Hammer.“

Beim Brunchen später frage ich nach, was die Lust fürs soziale Netzwerk „Instagram“ ausmacht, das 2010 als kostenloser Online-Dienst zum Teilen von Fotos und Videos via Facebook eingeführt wurde? Und mit dem ich bis dato gefremdelt habe. Mein Verdacht: Social-Media klaut Muße, Kontemplation, aber vor allem das Nah-dran an dem, was berührt. Mit „Bits & Bytes“ zum Zen? Kaum vorstellbar.

„Aber wieso denn nicht? Schöne Fotos machen zu wollen, schärft doch den Blick, macht fit fürs Hingucken!“

Ja, natürlich. Auch das stimmt. Aber der Fokus vom jederzeit und ausgesprochen leicht verfügbaren Smartphone drängt sich beständig zwischen mich und die Welt. Linsen-Guck sozusagen. Und das verändert den Blick, die Einstellung zu Raum und Zeit. Ein ungeschriebenes Gesetz im Netz schreibt sich sekündlich fort: Poste mal wieder, sonst biste bald outerspace.

Umso erstaunter bin ich, dass es bei Instagram um Gemeinsamkeit, Austausch, Kontakt geht. „Meine Tischnachbarin sieht das so: „Man lernt Menschen mit gleichen Interessen kennen, fürs Fotografieren, für exzellente Bilder, für Landschaften, Kunst, Städte, Regionen. Das Netzwerk ist wichtig.“

Dass allerdings ist doch jetzt wieder klassisch analog? Zwischenmenschlich. „Ja klar. Aber gäbe es nicht Instagram hätten wir uns nicht hier, nicht jetzt kennengelernt. Eine tolle Idee, - die Fahrradtour zur Kunst für schöne Bilder im Netz.“

Die Community mit Passion fürs Posten ist alles andere als menschenscheu. Tipps werden ausgetauscht. Über schluddrige Instagramer regt man sich auf. Das sind jene, die auf der Internetplattform Fotos einfach nur hinrotzen. „Da merkt man doch gleich, dass die nur auf Likes aus sind“. Über Likes allerdings freut sich jeder, der postet. Und natürlich gibt es diese Dynamik: Likes Du mich, like ich Dich. „Aber für schlechte Fotos, verteile ich keine Sympathien“, sagt Renate aus Hattingen. 

Das mit den schönen Fotos kann ich gut verstehen. Mit schönen Texten, mit anschaulichen Geschichten und interessanten Infos zum Leben mit der Kunst im Revier geht es mir nicht anders. 

Mittlerweile sind wir langsamer strampelnd auf der magischen Schurenbachhalde vor Richard Serras berühmter Monolith-Bramme angekommen. 67 Tonnen wiegt das Ding, ist fast 15 Meter hoch, um 3 Grad nach Süden geneigt. Und steht als weithin sichtbare Landmarke „auf dem höchsten Punkt einer elliptischen Ebene, die nur mit dem Abraummaterial der ehemaligen Bergehalde bedeckt ist und daher den Charakter einer Mondlandschaft hat.“Über uns surrt beharrlich die kleine Drohne, das spähende Digi-Wesen. Gesteuert wird`s von Lukas Hintze. Ich will die Magie des Ortes einfangen, skulpturale Präsenz im Raum aufs Foto bannen. Von da, wo es am stattlichsten wäre, macht das Gegenlicht einen Strich durch die Rechnung. Schöne Fotos sind nicht leicht. Auf Instagram gibt`s massenhaft schöne Fotos. 

Das Thema begleitet uns weiter. Die Riesenfigur „Herkules“ - 18 Meter hoch, zwischen 22 und 25 Tonnen schwer, aus 244 Aluminiumgussteilen zusammengesetzt - steht auf dem ehemaligen Förderturm der früheren Zeche „Nordstern“. Und provoziert: Hässlich? Göttlich? Eine gebrochene Antike? Radikaler Expressionismus? Die Gelsenkirchener nennen die Landmarke schlicht „Horst“ für „Herkules“.

„Gar nicht leicht, so was Monumentales ins Bild zu bringen.“ Von Verkürzung und Untersicht ist die Rede. Das macht Probleme. Mit dem Gruppenfoto vorhin war`s einfacher: „Stellt euch mal locker auf, jetzt lachen! Die Kunstgebiet.Ruhr.Tour macht Spaß.

Mir ist das intensive Gucken sympathisch, Perspektive und Schönheit sind es wert, drauf zu gucken: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Zitat-Vater Karl Valentin (1882-1948) hätte seine Freude an den Freunden von Instagram.

Und dann passieren wir nach der imposanten Doppelbogenbrücke und dem 14 Meter hohen „Carbon-Obelisken“ der amerikanischen Künstlerin Rita McBridge noch vor dem letzten Highlight, - der größten Ulrich Rückriem-Skulptur überhaupt, „Castell“ heißend, aus österreichischem Granit gespalten und auf der ehemaligen Halde von Zeche Zollverein begehbar installiert - , etwas eigentlich vollkommen Unscheinbares. Das aber ist etwas fürs Ruhri-Herz, ist typisch für „tief im Westen“ der Republik. Die Institution ist einzigartig. Bis 1972 sogar weltweit. Oft ist sie eine letzte Hoffnung fürs lädierte Rennpferd des Bergmanns: die Gelsenkirchener Taubenklinik des Verbandes Deutscher Brieftaubenzüchter. Nicht dass ich Briefvogel-Fan wäre. Das ist eine andere Welt. Liegt aber „umme Ecke“. Ob von da auch schöne Bilder gepostet werden?

Spannend, was in den nächsten Tagen und kommend noch von weiteren drei Bits & Bikes-Ausflügen am 1.Juli, am 5. August und am 2.September auf #kunstgebietruhrtour zusammenkommt von schönen, von schön gemeinsamen Impressionen aus der #Kunstlandschaft im @kunstgebiet.ruhr.

Danke für einen famosen Sonntag!


Weitere Informationen und Termine finden Sie hier: Kunstgebiet.Ruhr.Tour 2018  

Hier erreichen Sie außerdem direkt unseren Instagram Account: Kunstgebiet.Ruhr

Bits & Bikes für Kunst