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13. Juni 2018 - von Claudia Posca

Aroma Kohle

Mülheim

Jaja, ich weiß, dass Sie wissen, dass Ende 2018 Schicht im Schacht ist mit dem Steinkohlenbergbau in Deutschland. Die letzten Bergwerke - in Bottrop, in Ibbenbüren - machen dann dicht. Der letzte Kumpel geht. Was Sie vielleicht nicht wissen: Wenn die Kohle verduftet, kommt der Duft der Kohle.

Kokolores? Unfug? Quatsch? 

Aber gar nicht! In dem Museum, in dem ich war, ist das so. Noch bis zum 16. September. Alldieweil - Achtung, kein Wortspiel! – die gezeigte Kunst dufte ist, auf der Spur von Anthrazit & Co den richtigen Riecher hat. Und uns nichts auf die Nase bindet, aber uns alles erschnuppern lässt.

Herrliche Aktionen erwarten den Besucher: Sie und Ich schnobern Lichtkästen ab. Erhobenen Riechkolbens wandern wir übers Museumsparkett. Wer seine Nase hoch trägt, hat gewonnen. Revieren, Flanieren als Reise ins Reich von Duftpartikel und -molekül ist zum Schnüffeln schön.

Das wiederum liegt an einer Künstlerin, die die Erinnerung an den langen Ausstieg aus der Kohle auf fabelhafte Weise verbindet mit einer erfrischenden Zukunftspraxis. Und in diesem Bereich, sagen wir es mal so, die Nase extrem weit vorn hat: Helga Griffiths, ihres Zeichens eine international renommierte Künstlerin auf dem Feld wissenschaftlich motivierter Kunst, hat für ihre Ausstellung im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr im Rahmen des großen Ausstellungsprojektes „Kunst & Kohle“ schwarze Bröckchen zu Flüssig-Fluidum verkocht. 

Hexenwerk? Aber keineswegs. Die Kohle, die ins Fläschchen tropft, schreibt Revier-Alchemie. Was im Besonderen eine seltene Destillation ist, an deren Ende „18 C“ als mögliches Ruhr-Chanel No. 5 steht. „Glückauf Zukunft“ – das Motto ist zum Riechen nahe.

©  2018 Stadtgalerie Saarbrücken, Anton Minajev  Auch wenn Sie jetzt ungläubig gucken: Ab heute hat das Ruhrgebiet sein eigenes Parfüm. Special-Création, Marke Helga Griffiths. Wer schnell genug ist, gewinnt die Chance einen kunstvoll diamantförmigen Kristallflakon mit Karbonduft drin, zu erwerben. Gibt`s als limitierte Edition. Komisch eigentlich, dass keiner zuvor drauf kam.

Veredelt wurde die „Essenz der Kohle“, - so auch der Ausstellungsuntertitel -, in Zusammenarbeit mit dem erfahrenen Parfumeur Karl-Heinz Bork. Der wiederum hat auf das Substrat der vorangegangen von Professor Michael Reggelin und seinem Team an der TU Darmstadt ´gekochten` Kohle zurückgriffen – eindrücklich dokumentiert in vergrößerten Slow-Motion-Bildern einer High-Speed-Kamera, die das Sieden, Kochen, Blubbern, Verdampfen, Destillieren unter Sound-Kulisse als Videoprojektion im musealen Raum zeigt. 

Und wenn Sie jetzt rätseln, wer bei diesem Mega-Kooperationsevent der eigentlich Kunstschaffende für Nasen in Aufruhr ist, müssen Sie sich verabschieden vom klassischen Ein-Mann/Ein-Frau-System des genial-solipsistischen Genius. Kein Blick über den Tellerrand? Würde bedeuten: kein kreatives Schnuppern.

Das aber liegt der 1959 im baden-württembergischen Ehingen (Donau) geborenen Helga Griffiths am Herzen. Interdisziplinäre Zusammenarbeit mit ausgewiesenen Fachleuten in intensivster Kommunikation wissenschaftlich-analytischer Erkenntnisse ist ein Muss für ihre multisensuell-interaktive Kunst. 

Wie riecht die Welt? Warum dünsten wir lieber im Duft als auszudünsten? Haben Mondstaub und Sonne einen Eigengeruch? Was ist der Grund dafür, dass olfaktorische Wahrnehmungen den sehenden nachgeordnet werden? Kann man Geruchsprägungen in Relation zu Kultur und Geografie verbildlichen? Was ist dran an Pheromon-Partys? 

Helga Griffiths ‚Migratory Sense, 2017 Lichtinstallation Sogar Astrologen, ja das All wurden aufs Odeur befragt. Ich hab` den Venus- und Merkur-Duft mitgenommen. Fürs Memorieren des kosmisch genialen Schnupperkurses. Fünf Planetendüfte, auf Palette gebannt, liegen unter hängenden Zapfkolben zur Mitnahme bereit. Versprochen: Es duftet intergalaktisch. Auch noch zu Haus.

Doch keine Angst. Nur sanft übergriffig ist der Mülheimer Aromenparcours. Kein sinnlicher Terror. Erinnerungen stecken drin: Lindenduft für Frühlingsimaginationen hier, Patchouli für 70er-Jahre-Feeling dort. Und, na klar: modrig-hölzern-waldig kriecht der Duft ins Schleimhautmilieu dort, wo`s ums Zeitreisen zurück ins Erdgeschichtliche der Kohle geht. „Tief durchatmen!“, Kuratorin Simone Scholten lacht.

Dabei ist bei unserem wissenschaftlich sequenzierten, täglichem 23.000-maligen Ein- und Ausatmen sicher: Die Kunst liegt im Auge, in diesem Fall wohl in der Nase des Betrachters. Was köstlichstes Aroma dem einen ist, stinkt anderen gewaltig. Aber man muss die Nase ja auch nicht überall reinstecken. Zumal wir Menschen immerhin zehn Millionen Riechzellen haben, direkt verschaltet mit der limbischen Emotionszentrale im Hirn. Duft befördert Gefühle. Ein ganzer Wirtschaftszweig lebt davon. 

Trotzdem ist unser Riechkolben nur mäßig schlau. Den mageren zehn Millionen Geruchsrezeptoren auf unserer Seite stehen die rund 125 bis 220 Millionen Riechzellen unserer Vierbeiner, abhängig von der Rasse, gegenüber. Da kann man sich vorstellen, was Hund über Mensch denkt: Der riecht nix.  

Tatsächlich neutral duftet ein anderes Highlight in der Mülheimer Ausstellung: Aus Kohle gezogen, ist`s ein funkelnder Diamant. Das edle Stück ist lupenrein, im Brennglas groß. Und gibt ein Bild „des Wandels, den Kohlenstoff unter Druck und Hitze im Laufe von Jahrmillionen durchlaufen hat“. Gut möglich, dass dem Grubengold als Schmuckstück prächtigste Zukunft winkt. Quo vadis Kohle? In Mülheim ist`s zu sehen.

Dann aber wollte ich noch Genaueres wissen, von der Künstlerin, die ich natürlich nach dem Bestseller-Roman „Das Parfüm“ von Patrick Süskind gefragt habe, den sie natürlich gelesen und „sehr gemocht hat“. Und die selbst auch mal Parfum anlegt, aus Paris, aus einer kleinen Manufaktur, „nach Ebenholz duftend“.

Was genau das Kohle-Parfüm ist, das aus rund zwanzig erdig-holzigen Aromen (u. a. Sandel- und Zedernholz)  und eben der Essenz der Kohle besteht, habe ich Helga Griffiths gefragt. Wohl wissend, dass Duft zwar von Nasen, mit Worten aber kaum einzufangen ist. Helga Griffiths

„Es ist eine Essenz der ursprünglichen Kohle aus Bottrop. Die Bröckchen stammen von der Zeche Prosper Haniel. Es ist die Idee der Erinnerung an die vergangene Landschaft des Karbon. Es ist die Vorstellung der Transformation, die in dem Duft enthalten ist.“

Es folgt eine kurze Pause. Ich warte ab. Knapp, aber nachhaltig steht die Griffiths-Antwort im Raum. Die Künstlerin ist halbe Wissenschaftlerin: In der Kürze liegt die Würze. Was Platz gibt für eigene Vorstellungen. Wie das so war, im Zeitalter des Karbon, wo Farne das Sagen hatten und an Land Insekten, Spinnen, Amphibien und Reptilien in zuweilen riesiger Größendimension auf dem Gondwana-Großkontinent lebten.

Klar, dass ich später noch Wikipedia bemüht habe, wo in der Erdhistorie das Karbon datiert ist. 

„Das Karbon ist in der Erdgeschichte das fünfte chronostratigraphische System bzw. die fünfte geochronologische Periode des Paläozoikums. Das Karbon begann vor etwa 358,9 Millionen Jahren und endete vor etwa 298,9 Millionen Jahren. Es wird vom Perm überlagert und vom Devon unterlagert.“

Aha. Jetzt haben wir was zum Behalten. In Mülheim aber habe ich Helga Griffiths weiter gefragt, wie wichtig für sie Gerüche, Düfte, Aromen sind, wo doch 1961 der Konzeptkünstler Piero Manzoni (1933-1963) damit kokettierte, je dreißig Gramm „Merda d`artista“, also Künstlerscheiße, in Büchsen abgefüllt zu haben. Und es in einer dpa-Meldung 2013 hieß: „Für Männer, die auch untenherum gut riechen wollen, hat ein französisches Unternehmen duftende Slips und Boxershorts entwickelt. Die mit mikroskopisch kleinen Parfümkapseln versehene Unterwäsche lässt sich nach Herstellerangaben 20 bis 30 Mal waschen“, danach würde sich der Moschus-Birnennotenduft verflüchtigen.

„Duft bedeutet Lebensqualität. Auch eine Zeitreise. Und Kommunikation. Geruch ist eine Urwahrnehmung, die schon im Mutterleib beginnt. Lange Zeit wurde der Geruch als niederer Sinn verdrängt, nicht ernst genommen. Das ändert sich gerade. Eine Rehabilitierung des Geruchssinns scheint im Gange.“

An diesem Tag haben wir alle am Ende eines wunderbaren Rundgangs unsere besoffenen Nasen gern in Kauf genommen. Danke, Helga Griffiths.


Abbildungen: 

Titelbild: Helga Griffiths, Out-SIGHT-In, 2002-2017, Stahlkasten perforiert, Licht, Pumpe, Sensor, Duft, Installationsansicht (Detail) ©  2018 Helga Griffiths

Bild 1: Helga Griffiths‚ Space Souvenirs III, 2017 3 Kanal-Videoprojektion, Glastropftrichter Installationsansicht (Detail) Stadtgalerie Saarbrücken, 2017, © 2018 Stadtgalerie Saarbrücken, Anton Minajev

Bild 2: Helga Griffiths, ‚Migratory Sense, 2017 Lichtinstallation, Foto: Claudia Posca

Bild 3: Ausstellungsansicht Kunstmuseum Mülheim, Foto: Claudia Posca

 

Aroma Kohle